Forschungsprojekt 2026

Gemeinsam Qualität gestalten: Zufriedenheitsbefragung in der Jugend- und Erziehungshilfe partizipativ weiterentwickelt

Von März bis August wurde die erstmals im Jahr 2025 durchgeführte Klient*innen-Zufriedenheitsbefragung im Jugend- und Erziehungshilfeverbund (JEH) der BBW-Leipzig-Gruppe umfassend überarbeitet und weiterentwickelt. Dabei konnten wir im Rahmen eines Praxisforschungsprojektes mit der HTWK Leipzig Debora D´Apice und Hannes Möller, zwei Master-Studierende der Sozialen Arbeit, als professionelle Unterstützung gewinnen. Ziel war es, die Befragung stärker an den Erfahrungen und Perspektiven der Adressatinnen auszurichten und sie künftig als praxistaugliches Instrument der Qualitäts- und Praxisentwicklung zu nutzen.

Im Mittelpunkt standen die vier Themenbereiche Sicherheit, Wirksamkeit, Partizipation und Zufriedenheit. Sie wurden als zentrale Kategorien für die zukünftige Befragung festgelegt. Um besser zu verstehen, was Adressatinnen und Fachkräfte mit diesen Begriffen verbinden, wurden insgesamt elf leitfadengestützte Interviews geführt: fünf mit Fachkräften und sechs mit Adressat*innen aus allen fünf Abteilungen des JEH. Die Interviews wurden anonymisiert, transkribiert und mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.

Die Gespräche haben gezeigt, dass Sicherheit, Wirksamkeit, Partizipation und Zufriedenheit eng miteinander verbunden sind. Über die unterschiedlichen Abteilungen und Zielgruppen hinweg wurden zahlreiche Gemeinsamkeiten sichtbar. Besonders bedeutsam sind verlässliche und wertschätzende Beziehungen, Vertrauen, verständliche Kommunikation auf Augenhöhe, ausreichend Zeit sowie eine Unterstützung, die zu den individuellen Bedürfnissen passt.

Sicherheit wird vor allem dort erlebt, wo sich Adressat*innen ernst genommen, respektiert und angenommen fühlen. Bekannte Bezugspersonen, klare Absprachen, nachvollziehbare Regeln und verlässliche Strukturen können zusätzlich Sicherheit geben. Gleichzeitig wurde deutlich, dass auch die Möglichkeit, eigene Wünsche zu äußern, Entscheidungen mitzugestalten und Unterstützung anzunehmen oder abzulehnen, zum Sicherheitserleben beiträgt.

Wirksamkeit zeigt sich insbesondere dann, wenn die Unterstützung im Alltag der Adressat*innen spürbar wird. Eine wichtige Grundlage dafür sind gemeinsam entwickelte und verständlich vermittelte Ziele. Ebenso entscheidend sind tragfähige Beziehungen, die Bereitschaft, über persönlich wichtige Themen zu sprechen, sowie die Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Die Interviews verdeutlichen außerdem, dass ausreichend Zeit und eine passgenaue Gestaltung der Hilfe wesentliche Voraussetzungen für ihre Wirksamkeit sind.

Partizipation bedeutet für die Befragten, über wichtige Angelegenheiten informiert zu werden, die eigene Meinung frei äußern zu können und bei Entscheidungen beteiligt zu sein. Beteiligung gelingt besonders dann, wenn Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten verständlich erklärt, überschaubar gestaltet und an die jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnisse angepasst werden. Auch die Gestaltung von Terminen, Inhalten, Räumlichkeiten und Freizeitangeboten kann wichtige Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen.

Zufriedenheit wurde von den Adressat*innen vor allem mit Wohlbefinden, Ruhe, Freude, Akzeptanz und einem respektvollen Umgang verbunden. Gemeinsame Aktivitäten, Gespräche, Mahlzeiten und Ausflüge wurden als Situationen beschrieben, in denen Zufriedenheit entstehen kann. Fachkräfte nehmen Zufriedenheit unter anderem daran wahr, dass Adressatinnen aktiv Kontakt suchen, sich öffnen, eigene Ideen einbringen oder sich auf Angebote einlassen. Als belastend wurden dagegen unter anderem Konflikte, Beleidigungen, fehlende Beteiligungsmöglichkeiten, mangelnde Transparenz und unpassende Rahmenbedingungen benannt.

Die Ergebnisse der Interviews bildeten die Grundlage für die Überarbeitung des Befragungsdesigns und des Fragebogens. Dieser wurde deutlich reduziert, sprachlich angepasst und um zielgruppengerechte Fragen sowie Freitextfelder ergänzt. Ein Pretest in den Wohngruppen sowie in der Tagesgruppe diente dazu, die Verständlichkeit der Fragen, die Antwortskala und die Gestaltung zu überprüfen. Auch mögliche Schwierigkeiten und Unterstützungsbedarfe konnten auf diese Weise erkannt werden. Die Rückmeldungen der Adressat*innen flossen unmittelbar in die weitere Überarbeitung ein.

Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts war die Entwicklung des sogenannten „roten Fadens“. Die Zufriedenheitsbefragung soll künftig nicht bei der Erhebung von Zahlen und Ergebnissen stehen bleiben. Vielmehr sollen Vorannahmen und Hypothesen aus den Teams festgehalten, durch die Befragung überprüft und anschließend gemeinsam mit Adressat*innen und Fachkräften reflektiert werden. So können konkrete Hinweise für die qualitative Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis gewonnen werden.

In zwei Workshops wurde die Hypothesenbildung mit Fachkräften gemeinsam erprobt. Die Beteiligten entwickelten erste Hypothesen, überlegten mögliche Überprüfungswege und diskutierten, wie Befragungsergebnisse für die tägliche Arbeit nutzbar gemacht werden können. Die Workshops waren von einer hohen Beteiligung, einem intensiven Austausch und positiven Rückmeldungen zur Sinnhaftigkeit und Anwendbarkeit des Vorgehens geprägt.

Für die Implementierung in die Praxis wurden umfangreiche Materialien zusammengestellt und erarbeitet. Dazu gehören unter anderem Übersichten, Fragebögen, qualitative Ergebnisberichte, Handlungsleitfäden für verschiedene Zielgruppen sowie Vorlagen zur Hypothesenbildung. Damit stehen den Abteilungen wichtige Grundlagen für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung zukünftiger Befragungen zur Verfügung.

Die nächsten Schritte sind bereits geplant: Die nächste Klient*innen-Zufriedenheitsbefragung soll im Februar 2027 durchgeführt werden. Die Ergebnisse sollen anschließend in Leitungsrunden, Teamberatungen und gemeinsam mit den Adressat*innen besprochen und für die weitere Praxis- und Qualitätsentwicklung genutzt werden.

Mit dem Abschluss des Forschungspraktikums endet zwar das gemeinsame Projekt, der entwickelte Prozess soll jedoch weitergeführt werden. Die Zufriedenheitsbefragung wird damit zu einem wiederkehrenden Instrument, das Beteiligung stärkt, Perspektiven sichtbar macht und die kontinuierliche Qualitätsentwicklung im JEH unterstützt.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Adressat*innen, Fachkräften und beteiligten Kolleg*innen der BBW-Leipzig-Gruppe, die ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Ideen in den Interviews und im Pretest mit uns geteilt haben. Unser Dank gilt außerdem den Mitarbeitenden und Leitungskräften aller Abteilungen für ihre Offenheit, ihre Zeit und ihre engagierte Mitarbeit in den Workshops und Abstimmungen.

Ein besonderer Dank gilt Debora D´Apice und Hannes Möller für die äußerst strukturierte, zuverlässige und professionelle Zusammenarbeit sowie die exzellenten Ergebnisse. Durch die gemeinsame Arbeit konnten wissenschaftliche Ansprüche mit den Anforderungen der Praxis verbunden und wichtige Grundlagen für einen nachhaltigen Reflexions- und Entwicklungsprozess geschaffen werden.FormularbeginnFormularende

Kontakt zu uns

Karin Leonhardt

Karin Leonhardt

Geschäftsbereichsleiter*in Jugend- und Erziehungshilfeverbund

Tel.  0341 41 37-5011
leonhardt.karin@bbw-leipzig.de